Ute und Jürgen Habermas, ein über Jahrzehnte eingespieltes Paar, waren die idealen Nachbarn. In ihrem stets gastfreundlichen Haus in Starnberg traf sich die halbe Welt (die andere mied es), es wurde gegessen, getrunken, erzählt und diskutiert, und da beide temperamentvolle Menschen waren und ein trotz ihres Alters beneidenswertes Gedächtnis auch für kleinste Details hatten, war es immer ein Vergnügen, sich mit ihnen durch die intellektuelle Geschichte der Bundesrepublik zu reden: Es wurde gelacht, verworfen, gelobt und natürlich heftig getadelt. Wenn ich jemanden vehement verteidigte, den er für einen falschen Fuffziger hielt, sagte er nur lakonisch: Na ja, ich habe schon immer geahnt, dass du auch eine reaktionäre Ader hast.
